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Günter Gerhard Lange

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Günter Gerhard Lange

Günter Gerhard Lange

Günter Gerhard Lange: Was war. Was ist. Was bleibt. Ateliergespräch am 25.9.2003 im Atelier von Wolfgang Beinert in München.

 

Einer meiner Wesenszüge ist es wohl, Zusammenhänge verstehen zu wollen. So fiel mir im Zuge meiner Recherchen zur westeuropäischen Schriftgeschichte und Typographie auf, dass der Beruf des/r Graphikdesigners/in – im weiteren Sinne verstanden – sich bis heute nicht als klar determiniertes Berufsbild etablieren konnte; es ist in all seinen jeweils zeitbedingten Facetten nur fragmentarisch dokumentiert und wird gerade jetzt wieder, da die Schrift unweigerlich ins Fadenkreuz der digitalen Programmierung geraten ist, einem irreversiblen Veränderungsprozess unterzogen.

Durch die gegenwärtige Entwicklung von der materiellen Schrifttechnik hin zu virtuellen multimedialen Informationstechnologien erleben Typographie und Graphikdesign einen noch niemals da gewesenen Strukturwandel, der in den kommenden Jahren unsere Schreib-, Lese- und Rezeptionsgewohnheiten bestimmen wird.

Neue Medien, Berufe, wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Ausbildungsstätten und Betrachtungsweisen entstehen; Schrift ist nicht mehr gleich Schrift und die progressive visuelle Kommunikation hat bereits die zweite und dritte Dimension verlassen. Die Irritationen in der Typo-, Graphik- und Werbeszene sind deshalb groß.

Gilt auch heute noch, was gestern galt? Und was wird morgen sein? Damit sind wir schon bei Günter Gerhard Lange. Denn um die Komplexität der Gegenwart besser zu verstehen, ist es sinnvoll, unsere Kenntnisse über die Vergangenheit zu vertiefen. Deshalb bat ich Herrn Lange, uns – also den Teilnehmern am Ateliergespräch – nicht nur vom Wandel unseres Berufes in den letzten Jahrzehnten sondern auch von seinen Wertvorstellungen und von allem, was er für wichtig hält, zu erzählen.

Einfach frei aus dem Herzen heraus und ohne Manuskript. Als Zeitzeuge. Der uns die einmalige Gelegenheit bietet, mehr über Profession und Identität, Anspruch und Qualität, Ästhetik und typographische Schriftkultur zu erfahren. Ein Ateliergespräch, auf das ich mich sehr freue. Und Fragen meiner Gäste sind natürlich erwünscht …

Wolfgang Beinert
Everything good is fragile … Save it!
München im Herbst 2003

 

Günter Gerhard Lange

Seit nunmehr bald einem halben Jahrhundert zählt Günter Gerhard Lange als passionierter Schriftentwerfer, kritisch ambitionierter Lehrer und langjähriger künstlerischer Leiter des traditionsreichen Hauses Berthold zu den profiliertesten Persönlichkeiten der internationalen Typographie-Szene.

Geboren am 12. April 1921 in Frankfurt an der Oder, wurde Günter Gerhard Lange gleich zu Beginn des II. Weltkriegs knapp achtzehnjährig zur deutschen Wehrmacht einberufen und kurz darauf in Frankreich schwerst verwundet. Nach einer Beinamputation und langer Rekonvaleszenz begann er 1941 seine Ausbildung an der Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig.

Günter Gerhard Lange studierte Kalligraphie und Schriftgestaltung, Satz und Druck bei Professor Georg Belwe sowie Zeichnen, Malerei, Radierung und Lithographie bei Professor Hans Theo Richter. Nach dem Studienabschluß mit Auszeichnung arbeitete er in Leipzig als freischaffender Maler und Graphiker sowie als Assistent unter Professor Dr. Walter Tiemann. Ab 1949 setzte Günter Gerhard Lange seine akademischen Studien bei den Professoren Hans Ullmann und Paul Strecker an der Hochschule für Bildende Künste in West-Berlin fort. Schon 1950 begann Günter Gerhard Lange seine Tätigkeit als freier Mitarbeiter der H. Berthold Schriftgießerei und Messinglinienfabrik AG in Berlin, wo er seine erste Schriftgußtype, die »Arena« entwarf.

1951 übernahm er auch einen Lehrauftrag für typographische Gestaltung an der Meisterschule für Graphik, Druck und Werbung in Berlin, den er bis 1960 innehatte. In den ersten Nachkriegsjahren engagierte sich Günter Gerhard Lange intensiv für den Wiederaufbau des Unternehmens und dessen Neupositionierung auf dem internationalen Markt.

Nachdem die Berthold AG im Jahr 1958 mit der »Diatype« die Entwicklung von modernen Fotosatzsystemen erfolgreich initiiert hatte, schuf Günter Gerhard Lange, der Ende 1960 zum künstlerischen Direktor der Berthold AG ernannt worden war, neben fast hundert Originalschriften mit Referenzcharakter, wie beispielsweise die »Concorde«, die »Akzidenz Grotesk Buch« und die »Imago«, eine ganze Reihe von fotosatzkompatiblen, später auch digitalisierten Adaptierungen und Neuinterpretationen historischer Schriftschnitte; so etwa die »Garamond«, die »Walbaum«-Antiqua, die »Caslon« und 1983 die von der französischen VOGUE bevorzugte hochelegante »Bodoni Old Face«, eine Type des italienischen Altmeisters Giambattista Bodoni, die Günter Gerhard Lange buchstäblich erst entdeckte.

Mit dem Umzug der H. Berthold AG von Berlin nach München war Günter Gerhard Lange ab 1965 ihr Prokurist und künstlerischer Leiter, somit also verantwortlich für das Gesamtschriftprogramm im Blei- und Fotosatz; wobei er in dieser Funktion – neben Anton Stankowski – auch der Akzidenz-Grotesk, favorisiert in der Schweiz, in Deutschland zum Durchbruch verhalf. Günter Gerhard Lange zeichnete in dieser Zeit für viele Sonderpublikationen des Hauses Berthold ganzheitlich verantwortlich, so auch für Bücher, die mehrfach von der Stiftung Buchkunst prämiert wurden.

Parallel zu seiner jahrzehntelangen Tätigkeit für Berthold war Günter Gerhard Lange stets als Dozent und rhetorisch brillant-provokanter Vortragender (GGL: »Eine Bleiletter in den Händen zu halten und deren Punzen zu fühlen – das wäre eine Therapie für euch tastaturgläubige Bildschirmglotzer!«) um die kontinuierliche Weiterentwicklung der Schriftkultur bemüht, was ihm unter seinen Initialen GGL den Nimbus einer »skriptoralen Instanz« von Weltgeltung eintrug.

1989 wurde er für seine Leistungen vom amerikanischen Rochester Institute of Technology (RIT) mit dem »Frederic W. Goudy Award« ausgezeichnet. Im Jahr darauf zog er sich zwar aus dem operativen Geschäftsleben zurück, um dann jedoch mit dem Millennium 2000 als knapp Achtzigjähriger die Leitung der Schriftenbibliothek »Berthold Exklusiv Collection« im Rahmen des 1995 in Chicago restituierten Unternehmens »Berthold Types Limited« erneut zu übernehmen. Günter Gerhard Langes vorerst letzte, am 17. März 2000 edierte digitale Font-Kreation ist die »Whittingham«, eine ursprünglich um 1840 von Charles Whittingham für dessen kommerziell höchst erfolgreiche Chiswick Press in Birmingham, England, entwickelte Type mit deutlich neoklassizistischer Anmutung. Günter Gerhard Lange wurde international vielfach mit Medaillen, Preisen und Ehrenmitgliedschaften ausgezeichnet.

Man kann sicherlich behaupten, dass er nach dem II. Weltkrieg unsere westliche Schriftkultur entscheidend mitgeprägt hat. »Seine« Berthold-Schriftenkollektion ist inzwischen zu einem internationalen Qualitätsstandard avanciert und dient heute der Typographie als Referenz-Schriftenbibliothek.

 

Resümee


Günter Gerhard Lange, 82jährig, referierte manuskriptlos über drei Stunden lang im Stehen. Seine Frische und Direktheit ließen die Zeit im Nu verfliegen. Hier ein kleiner Ausschnitt aus seinem Vortrag. Sämtliche Zitate stammen von Günter Gerhard Lange, die an diesem Abend notiert wurden …

»Was ist denn nun? Wo waren Sie denn die letzten zwei Jahre?«Die ersten beiden Sätze von Günter Gerhard Lange zu den 96 Gästen von Wolfgang Beinert.

»In einem französischen Lazarett während des II. Weltkriegs hörte ich ständig BBC … Heute ist der 131. Tag nachdem Hitler den Krieg vom Zaun gebrochen hat … Es folgten die Zahlen der Toten und Verwundeten. Ich beschloss damals, zukünftig nur noch die Wahrheit zu sagen und meinen Mund rechtzeitig aufzumachen.«

»Ich fuhr nach Berlin. Dort eröffnete sich mir eine ganz neue Welt: schillernd, vielfältig, frisch. Ich staunte über die Mannigfaltigkeit an Museen, Konzerten, Galerien, Kinos …«

»Bei meinem ersten Vorstellungsgespräch sagte ich den Herren, ich wollte Berthold besser als die Monotype machen. Doch die hielten mich für größenwahnsinnig und lehnten mich entschieden ab. Aber ich blieb hartnäckig. Mir gefiel das Backsteingebäude. Es gab mir ein heimisches Gefühl …«

»Ich wollte besser als die Monotype sein.« (…) »Die Monotype bestätigte mir dann Jahrzehnte später, dass einige meiner Schriften den ihren überlegen waren«.

»Sich zu bewerben ist Quatsch. Ihr müßt persönlich hingehen! Und bleibt hartnäckig. Setzt euch ein Ziel!«

»Seid doch nicht so brav!«

»Pförtner und Hausmeister kennen einen Betrieb am besten. Sie kennen dort jeden. Redet mit ihnen. Fragt sie doch einfach, wer für was zuständig ist.«

»Heute übertreffen England, Holland und Amerika Deutschland weit an Qualität, Anzahl, Kreativität und Innovation der Schriften, des Designs, der Werbung. Woran das liegt? Vor allem daran, dass im II. Weltkrieg enorme Schätze in den Bibliotheken zerstört wurden. Es gingen Geschichte, Kultur und Farbauszüge verloren.« (…)

»Zum anderen, weil die Deutschen nicht fähig sind, etwas auf den Punkt zu bringen. Liest man ein Buch auf deutsch, so kommt man auf Seite 24 zu seiner Kernaussage. Bei einem englischen Buch hingegen auf Seite 3! Und deswegen ist das wichtigste im Beruf des Designers, heutzutage Englisch fließend zu beherrschen und sich das Wissen aus englischen Quellen zu holen.« (…)

»Auch halten die Deutschen die Menschen immer für viel zu blöd. Man traut sich nicht mit Humor Werbung zu machen, weil man Angst hat, dass es niemand versteht.«

»Was soll denn ein 82jähriger mit den typographisch minutiösen Arbeiten von Herrn Beinert? (lacht) Sie sind so wunderschön, dass man andächtig und sprachlos davor stramm steht. Aber welcher 80jährige kann denn schon eine 4 Punkt Schrift lesen?«

»Das wichtigste ist, sich über seine Zielgruppe im klaren zu sein.« (…)

»Design muss sich mit der Zeit verändern, mit dem Produkt wachsen.«

»Ich lese die Süddeutsche Zeitung jeden Tag, weil der Inhalt einfach gut ist. Aber ich rege mich jedes Mal über das Layout auf. Das Layout ist aus der Steinzeit.«

»Bei gutem Design muss man außerdem den Produktionsvorgang von A bis Z überwachen.« (…)

»Und da wären wir auch schon bei Lenin. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Seid Perfektionisten!«

»Macht den visuellen Teil zum Hauptbestandteil eures Bewußtseins. Denn man muss den Betrachter neugierig machen.«

»Bleibt hartnäckig! Ich bin immer durch Widerstände weitergekommen. Wenn es hieß, etwas geht nicht, habe ich mich immer gewehrt.«

»Ach Herr Uebele, ich wollte Sie immer schon mal anrufen. Was können Sie uns denn dazu sagen …« Günter Gerhard Lange ohne Vorwarnung zu Andreas Uebele, der zuerst etwas irritiert war.

»Da hinten sehe ich jemanden den ich kenne. Herr Moser. Beantworten Sie uns doch mal folgende drei Fragen. Erstens …« Günter Gerhard Lange ohne Vorwarnung nun zu Horst Moser, der ebenfalls zuerst etwas irritiert war.

»Die durchgezogene, einheitliche Linie – das ist es, was ein Produkt vollkommen macht!«

»Ich war der Meinung, dass die Rotis von Otl Aicher nicht zu Berthold passte.«

»Die Schrift von Gill* für die Londoner U-Bahn ist die geeignetste für diesen Raum.« *GGL-Versprecher: Gemeint war Edward Johnston, der Lehrer von Gill.

»In München experimentieren sie schon seit einiger Zeit mit Schrift im öffentlichen Raum. Jedoch noch sehr zaghaft. Die Straßenschilder sind zu einheitlich. Sie müssten in Schrift und Layout besser lesbar sein, nicht zu enge oder zu weite Laufweiten haben oder auch nicht zu dünne Buchstaben. Auch hier bilden wiederum die Engländer den Kontrast mit gut lesbaren Straßenschildern auf unterschiedlichsten Hintergrundfarben.«

»Man muss den Mut haben, auch mal alles, was bisher für ein Projekt erarbeitet wurde, umzuwerfen und neu anzufangen. Jegliche Art der Gestaltung ist nämlich häufig nach weniger als sechs Jahren überholt.«

»Ein guter Typograph, Graphiker oder Designer muss mit Leib und Seele, einem Übermaß an Begeisterung und Interesse bei der Sache sein. Nur mit Leidenschaft kommt man wie in der Liebe, im gesamten Leben oder beim Lernen, so auch im Design weiter.«

»Ist das schon alles? Also ich kann noch … Sie dürfen nun aufbrechen zu sich selbst! Sie dürfen manchmal Egoist sein! Sie müssen sogar Egoist sein! Aber ohne anderen die Suppe zu versalzen! Pflegen Sie, was Sie wollen und was Sie können, soviel und sooft es geht!« Günter Gerhard Lange um 23.30 Uhr zu den inzwischen sehr ruhig gewordenen Gästen von Wolfgang Beinert.

»Beinert, Sie sind ein Royalist. Ich muss vor Ihren Arbeiten immer in Ehrfurcht stramm stehen. Eigentlich müssten Sie ja für die CSU arbeiten«. (Beinert: Schluck!) Die letzten Worte von GGL zu Wolfgang Beinert, bevor er das Atelier verließ.

»Sie fahren ja wie die Feuerwehr!« Günter Gerhard Lange während der Heimfahrt zu Nathalie Halgand.

 

Weiterführende Informationen

Biographie Günter Gerhard Lange von Wolfgang Beinert im Typolexikon unter http://www.typolexikon.de/lange-guenter-gerhard/

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Atelier Beinert | Berlin
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