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Presseinformation vom 15.5.2001
Atelier Wolfgang Beinert als Ort des kulturellen Austausches
Markus Bundi liest aus seinem Erstlingswerk ausZeiten
Der Schweizer Autor Markus Bundi wird am 31. Mai 2001 im Atelier des Grafikdesigners Wolfgang Beinert in München aus seinem ersten Buch AusZeiten und der Literaturzeitschrift Eiswasser lesen. Die Auswahl an Gedichten, Aphorismen und Notaten wird der Bernhard Piesk aus München musikalisch interpretieren.
Diese Lesung ist die erste von verschiedenen Veranstaltungen, die zukünftig im Atelier Beinert stattfinden werden. Sie sollen sowohl einen interdisziplinären Dialog eröffnen als auch das Atelier als Ort des kulturellen Austausches in Schwabing verwurzeln. Geplant sind Beiträge und Werkstattgespräche aus den Bereichen Kunst, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft.
Markus Bundi, geboren 1969, studierte Philosophie, Literatur und Linguistik in Zürich. Er arbeitet als Kulturjournalist und lebt in Baden. Außerdem ist er Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Eiswasser Ausgabe "Schweiz.01", die Ende Mai 2001 erscheint. Er ist Mitglied der Programmkommission Solothurner Literaturtage und Jurymitglied Alemannischer Literaturpreis. AusZeiten ist sein erstes Buch.
AusZeiten
von Markus Bundi
Spannungsfelder und offene Brüche »ausZeiten« - und das in knappen Worten. Markus Bundi hat sich im Zweifelsfall gegen das Wort entschieden. Übrig geblieben sind kurze Gedichte, Aphorismen und Notate. Gemeinsam ist ihnen die Form. Der Autor spielt mit Zeilen, bricht sie und eröffnet damit eine Vielzahl von Lesarten. Sinn und Bedeutung können jederzeit kippen, im Wort, auf der folgenden Zeile oder im Zwischenraum.
Im Blick eine Welt, eine Explosion im Himmel oder eine Kindertasse, das Wort und eben die Zeit. Texte als »AusZeiten«, die sich gerade nicht am (literarischen) Mainstream orientieren, die mal lyrisch, mal analytisch unerwartete Perspektiven eröffnen.
Vor über hundert Jahren schrieb Hugo von Hofmannsthal: »Manche Worte gibts, die treffen wie Keulen. Doch manche schluckst du wie Angeln und schwimmst weiter und weißt es noch nicht.« Dieser Satz gilt noch heute, und er gilt insbesondere auch für die Texte von Markus Bundi, die erst im Nachhinein ihre ganze Kraft im Kopf des Lesers entfalten.
Wolfbach Verlag Zürich
Die Worte kommen hinterrücks und fallen aus der Zeit
Rezension aus der Aargauer Zeitung, 14.03.2001 von Andreas Wirthensohn
Zeiten jenseits der Zeit - Der Badener Markus Bundi legt mit »AusZeiten« seinen literarischen Erstling mit eigenwilligen Texten vor. Nimmt man die heute vielfach kursierenden poetologischen Normen zum Maßstab, etwa den Ruf nach »welthaltige» Prosa« am besten aus einer Weltstadt wie Berlin oder New York) oder die Forderung, Literatur müsse sein wie Rockmusik (oder wahlweise wie Techno), so ist Markus Bundis schmales Buch alles andere als up to date. Schon der Titel ist Programm: »AusZeiten« sind - so paradox es klingen mag - Zeiten jenseits der Zeit, Zeiten, in denen das unerbittliche Fortschreiten der Zeit aussetzt, genauer: ausgesetzt wird, denn Auszeiten sind (ausgenommen im Sport vielleicht) immer subjektiv, man muss sich selbst außerhalb der Zeit stellen, um neue, eigene Erfahrungen machen zu können. Und am spannendsten sind solche unerwarteten Erfahrungen bekanntlich dann, wenn sie dem scheinbar Bekannten überraschende Perspektiven zu entlocken vermögen.
Der Alltag ist es denn auch, der Markus Bundis »AusZeiten« bestimmt. Ein Blick aus dem Fenster, Fernsehen, Gesichter auf der Straße, Begegnungen zu zweit - das ist der Stoff, aus dem der 1969 geborene Autor in seinem literarischen Debüt seine ganz eigene Welt formt. Etwa in »Intercity«:
Gegenüber
aus beweglichen Schlagzeilen
eine große Welt
draußen
schüttelt sich ein Hund
Interessant ist hier nicht, was beschrieben wird (das kennt man), sondern die Perspektive, in die es der Autor rückt. Mit einer Zeile, mit einem Wort, nämlich »draußen«, werden zwei ganz alltägliche, ja fast möchte man sagen banale Begebenheiten einerseits voneinander geschieden (im Zug und außerhalb), der Blick wandert nach draußen, von der »großen« in die »kleine« Welt, vom Schlagzeilenträchtigen zum völlig Belanglosen.
Zugleich aber bindet dieser Perspektivwechsel »groß« und »klein« zusammen, die »große Welt« liegt (natürlich) «draußen», und ganz plötzlich erscheint dieser kleine, unscheinbare Hund, den die Mitreisenden wahrscheinlich völlig übersehen haben, für den Betrachter als Teil dieser großen Welt. Sein Schütteln fällt gleichsam in eins mit den weltbewegenden Tagesereignissen. Ähnliches vollzieht sich bei der Betrachtung von Alltagsgegenständen: »Diese abgerundete Kindertasse / unten das unsichtbare Blei / sie kippt niemals um.« Man kennt diese »umkippsicheren« Trinktassen für Kinder, doch hier öffnet sich mit drei Zeilen und dem Titel »Damals vielleicht« ein ganzer Erinnerungsraum, die Zeit der Kindheit wird für einen kurzen Augenblick sichtbar und verschwindet sogleich wieder unter der dahintreibenden Zeit, ohne doch ganz verloren zu gehen.
Form und Intention
Aber was sind das eigentlich für Texte, die Markus Bundi hier vorlegt? Sind es Gedichte, Aphorismen, Notate? Am besten sollte man vielleicht von meditativen Texten sprechen, bei denen die äußere Form von der Intention nicht zu trennen ist: nämlich dem Leser nicht Bedeutungen vorzuschreiben, sondern ihn mit der Freiheit auszustatten, seine Bedeutung(en) zu (er)finden. Es sind »offene« Texte, scheinbar nebenher geschrieben und doch genau gearbeitet, die ein schweifendes, ein assoziatives Lesen nicht nur ermöglichen, sondern geradezu verlangen.
Von Hugo von Hofmannsthal stammt der wunderschöne Satz: »Manche Worte gibt's, die treffen wie Keulen. Doch manche schluckst du wie Angeln und schwimmst weiter und weißt es noch nicht.« Bundis Notate sind solche Wort-Widerhaken, die sich im Kopf des Lesers festsetzen, zunächst noch unbemerkt (»Die Worte kommen / hinterrücks«), aber doch gleichsam unter der Oberfläche weiterwirken und erst mit der Zeit ihre unerwarteten Perspektiven eröffnen:
Von Ufern über
setzen
die flachen Steine
halten sich an der Oberfläche
für kurze Zeit und
verschwinden im Schluckauf
vollendeter Ringe
»Auszeit« ist dieser Text betitelt, und er bringt nicht nur das gesamte Buch programmatisch auf den Punkt, sondern gehört mit zu den wundervollsten Passagen dieses so eigenartigen wie eigenwilligen Buches: Das Bild von den Steinen, die, ohne menschliches Zutun, von einem Ufer zum anderen übersetzen wollen und unterwegs gleichsam in vollendeter Schönheit untergehen, gräbt sich dem Leser tief ins Gedächtnis. Nicht weil hier Exorbitantes berichtet würde, sondern weil das scheinbar Alltägliche in Markus Bundis Beschreibung plötzlich in einer ganz unerwarteten Perspektive aufstrahlt und damit eine ungewohnte Dauer, eine eigene Zeit gewinnt.
Markus Bundis «AusZeiten», diese so subjektiven Aufzeichnungen, die ihre Bedeutung noch zu suchen scheinen und doch in ihrer Offenheit schon gefunden haben, beschwören eine Ästhetik der Langsamkeit, deren verstörende Intensität manchen ein wenig altbacken erscheinen mag (und nur in einigen wenigen Passagen nicht so recht gelingen will), die jedoch lange nachwirkt und die Texte zu einem Erfahrungsraum werden lässt, der weit mehr als nur »Drive« und Unterhaltung zu bieten hat.
Geballte Wortkunst
Rezension von Liliane Scherer aus der Badener Woche vom 15. März 2001
Markus Bundi aus Baden verleiht seiner Begeisterung für die Sprache mit seinem Buch »AusZeiten« einen eigenwilligen Ausdruck. Den Leser erwartet ein besonderes Erstlingswerk, hinter dem ein Mann mit vielen Gesichtern steckt.
Müsste man Markus Bundi mit einem Wort umschreiben, so würde man wohl nach dem Begriff »Multitalent« greifen. Anders ist die Vielschichtigkeit seiner Persönlichkeit kaum zu erfassen. »Verschiedene Dinge nebeneinander zu machen, kann sehr befruchtend wirken.« Dieser Grundsatz zieht sich auch durch sein ganzes Leben. Die Rekapitulation seines facettenreichen Werdegangs besticht durch die Vielfalt seiner Interessen und scheint durch eine Kette von Zufällen geprägt zu sein.
Nach der C-Matura begann der in Nussbaumen aufgewachsene Bundi, mehr aus Trotz denn aus Überzeugung, sein Germanistikstudium, wo er bald zur Philosophie ins Hauptfach wechselte. Immer stärker bewegte er sich weg von den »toten« Zahlen, hin zur Lebendigkeit der Sprache und wurde regelrecht gepackt von der Faszination, welche die hohe Kunst der Sprachfertigkeit auf ihn auszuüben vermochte.
Facettenreich
Parallel zum Studium betrieb er Spitzenhandball, spielte zuerst beim TV Klingenau in der NLB, wo er später zum Spieltrainer (1.Liga) avancierte, und war eine Saison in der Nationalliga A bei den Grasshoppers mit von der Partie. Nach seiner zweijährigen Erfahrung als Deutschlehrer für Ausländerkinder begann er als Sportjournalist beim Badener Tagblatt. Trotz null journalistischer Erfahrungen fasst er dank seinem Know-how als Spitzensportler und seinem im Studium erworbenen Sprachbewusstsein schnell Fuß im neuen Arbeitsfeld: »Der Sport war meine eigentliche Lebensschule; in ihm lernte ich unter Druck konzentriert zu arbeiten und eine Topleistung zu erbringen.« Von der Sportredaktion gings dann in die Kulturredaktion, wo er sich mit neuen, interessanten Gebieten befassen durfte. Fließend scheinen die Übergänge zwischen den einzelnen Lebensstationen des vielseitigen Badeners. Studium, Journalismus und Handball liefen alle parallel und hielten den jungen Mann nicht davon ab, auch als Schlagzeuger so richtig Gas zu geben oder beim Schachspiel Denksport zu betreiben. Als Kulturredakteur schreibt Bundi heute Buchbesprechungen und Theaterkritiken und weiß eines ganz bestimmt: »Es braucht Geduld, um gute Bücher zu schreiben. Die guten Ideen sind ein Teil, die sprachliche Umsetzung ist dann aber harte Knochenarbeit.«
Vielversprechend
Bundis im Wolfbach Verlag erschienenes Buch lebt von Überraschungseffekten, so genannten »Kippphänomenen«. Die Erwartungen des Lesers werden innerhalb eines Gedichtes über den Haufen geworfen und lassen ihn nach dem Motto »Erstens kommt es anders, zweitens, als man denkt« aufhorchen. Es handelt sich um kurze Gedichte und Aphorismen, die es nicht erlauben, schnell zu lesen, sondern den Leser durch den sanften Zwang des wiederholten Lesens immer wieder zu neuen Interpretationsansätzen bewegen. Die Bedeutungen sind prekär, lassen die knappen Worte doch viel Spielraum für eigene Gedanken: »Der Text muss so raffiniert angelegt sein, dass er nach dem letzten Wort nicht einfach abgeschlossen ist, sondern im Leser einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Das »Wie« überwiegt das »Was« eines Textes, die wahre Kunst ist das gekonnte Verpacken des Inhaltes in eine überzeugende, relativ einfache Sprache.« Das Spielen mit den Zeilen, die bewusste Nichtorientierung am literarischen Mainstream sowie die immer wieder anfallenden Spannungsfelder machen aus Bundis Texten einen ganz besonderen Lesespaß.
Nachtmensch
Bundi - ein Mann mit vielen Gesichtern und ebenso vielen Talenten. Weder Uhr, Natel noch Auto nennt er sein Eigen - Alles unnütze Dinge, die ihm nur lästig wären: »Für mich bedeutet es mehr Luxus, diese Dinge nicht zu haben«, betont er mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht. Und siehe da, sogar dieser multifunktionale Zeitgenosse verrät wenigstens zwei Schwächen: »Erstens habe ich zwei linke Hände und bin dementsprechend handwerklich ziemlich schnell überfordert; zweitens bin ich absolut morgenuntauglich.«
Nach Mitternacht arbeitet der frischgebackene Buchautor am besten und vor elf Uhr morgens ist bei ihm nichts zu wollen. Daneben outet er sich als glücklicher und seine Freiheiten in vollen Zügen genießender Single, berichtet von seinen ausgiebigen Zugfahrten, auf denen er sich hervorragend der Lektüre widmen kann, und erzählt, wofür er am liebsten Geld ausgibt: »Teure gebundene Bücher, Reisen oder auch feines Essen sind für mich der wahre Luxus.«
Intro zu Markus Bundis AusZeiten
Buchpräsentation Theater Brennpunkt Baden am 22. März 2001
von Christian Haller
Sehr geehrte Damen und Herren, Lieber Markus Bundi,
Die Wörter und ich sind froh. Endlich sind sie entronnen, aus Zeiten hinübergerettet zwischen zwei Buchdeckel, ins dauerhafte und unveränderbare Exil des Buches, und da stehen sie, in kleinen, dezimierten Gruppen, noch ein wenig verschüchtert, ungläubig, der Leser möchte freundlicher sein als ihr Autor: Noch immer zucken sie ein wenig zusammen, wenn ein lesender Blick über sie weggeht, noch spüren sie die schneidende Kälte: Wenn die Wörter auch alles hergaben, was sie hatten - Klang und Rhythmus, Bedeutung und Bild - , wenn sie auch versuchten, ihre Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit zu behaupten, ihr Autor war unbestechlich - und ich sein Zeuge. Ich erinnere mich der Nacht, da Markus Bundi und ich zusammensaßen, und er seine Gedichte zur Inspektion antreten ließ, sie hatten alles, was sie zu geben hatten, vor sich auszubreiten, und er nahm sich jede Auslegeordnung vor. »Der da«, sagte er und zeigte auf einen verängstigt zitternden Fünfzeiler, »war einmal sehr viel länger.« Und er klopfte die Zeilen erneut ab, spähte zwischen die Buchstaben, rüttelte an einem Vokal, hämmerte auf Silben herum, sah ungnädig auf ein Wort, drohte ihm die endgültige Streichung an, ließ es in launiger Generosität »für einmal noch« stehen, ging dann zum nächsten Gedicht, das sich schüchtern mit dem Titel meldete und klar - einmal viel länger gewesen war.
So verstrich die Nacht, um vier Uhr früh packte ich die Manuskripte ein, über denen wir gebrütet und getrunken hatten, und fuhr ausgangs Baden direkt in eine Polizeikontrolle. Der Polizeibeamte salutierte, nannte freundlich seinen Namen, und ich saß am Steuer zitternd wie ein Fünfzeiler von Bundi. »So, so, noch im Ausgang gewesen«, sagte er, ein wenig suggestiv, als müsste auch ich jetzt meine sämtlichen Bedeutungen ausbreiten. Und ich überlegte einen Moment lang, ob ich tatsächlich im »Ausgang« gewesen wäre, und antwortete dann, aus einer spontanen Regung heraus: »Nein, ich habe gearbeitet.« Und der Polizist hat genickt. »So, Sie auch.« Und ich sah in dem nicht mehr jungen Gesicht die Falten - Zeichen und Silben eines Lebens - das einmal sehr viel länger gewesen war. Und der Beamte sagte: »Ja, Sie sehen müde aus. Gehen Sie nach Hause, schlafen.« Und diese väterliche Fürsorge rührte mich. Weich gestimmt und versöhnlich fuhr ich weiter und dachte, dass so sich auch die Gedichte Markus Bundis gefühlt haben müssen, wenn sie eine weitere Überprüfung ungekürzt überstanden hatten. Als nach vielen Ankündigungen endlich Bundis Gedichtmanuskript in einem Briefumschlag bei mir eintraf, ließ ich es ungeöffnet vorerst liegen, ungewiss, was mich erwarten würde. Schließlich trug ich es auf die Veranda überm Fluß, dahin, wo es Texte besonders schwer vor dem Hintergrund des ziehenden, strömenden Wassers mit seinen Spiegelungen und Lichtreflexen haben und begann zu lesen, begann zu lächeln, mich zu freuen und kam zu einem Urteil, das Sie befremden mag, bestimmt aber erklärungsbedürftig ist. Ich saß also lesend da und dachte nach dem zehnten, vielleicht auch zwanzigsten Gedicht: Schau an, endlich einer, der ein westliches Haiku schreiben kann. Nun weiß ich nicht, wie es Ihnen ergeht, doch immer wenn ich Haiku höre, befällt mich ein zwiespältiges Gefühl. Meistens ist das etwas mit wehenden Gräsern und einem quakenden Frosch, der einsam am Teich nervt.
Dann weiß man noch, dass die Idylle in 5-7-5 Silben abgehandelt werden muss, und so klingen soll wie bei den japanischen Klassikern Basho oder Issa. Doch mit all dem - und lassen Sie mich das ausdrücklich sagen - haben Bundis Gedichte gar nichts zu tun (wie die wirklichen Haikus übrigens auch nicht). Ich habe auch keinen Moment damals auf meiner Veranda an solch äußerlich imitierende Gebilde gedacht, sie wären dem Wortberserker Bundi - wie eingangs klargestellt - sofort und unwiederbringlich zum Opfer gefallen. Sondern ich fühlte mich an einen poetologische Aspekt erinnert, über den Ooka Makoto, einer der größten zeitgenössischen Dichter Japans (es gibt seine Gedichte übrigens in deutscher Übersetzung) schreibt: Nämlich über das Spiel mit der Homophonie, dem Gleichlaut bei Haikus und deren älterer Form, den Wakas. »Um die Aussagemöglichkeiten des Waka, das ja bloß aus einunddreißig Silben besteht, auf das Höchste zu bereichern, haben die Dichter eine spezielle Technik entwickelt, in dem sie dem einzelnen Wort eine Doppelbedeutung oder je nach dem Kontext eine dreifache Bedeutung gaben.« Und Ooka Makoto spricht in dem Zusammenhang von den »Echowörtern«, die Assoziationen auslösen und den «Türangelwörtern«, die in ihrer Bedeutung nach der einen und anderen Seite schwingen und das erzeugen, was der westliche Leser chronisch missversteht: Dass nämlich das Gedicht «einen ganz anderen Hintergrund hat, als es den Anschein hat.« Und das charakterisiert auch Markus Bundis Gedichte, die in ihrer scheinbaren Einfachheit Ausdruck einer changierend schillernden Bedeutungsvielfalt sind. Diese finden wir als durchgängiges Stilmittel, was der Titel ja auch verspricht: AusZeiten, was sowohl »aus Zeiten«, wie »Auszeiten« (in solidem Deutsch »time-out«) meint, also Spiel mit der Homophonie, dem Gleichlaut.
Ich lese Ihnen ein Gedicht aus dem eben erschienen Band: InterCity / Gegenüber / aus beweglichen Schlagzeilen / eine große Welt / draußen / schüttelt sich ein Hund InterCity - das ist sowohl zwischen den Städten, wie in einer Zugskomposition dieses Namens, es ist also vor allem dazwischen, und in diesem Dazwischen, man höre und staune, gibt es gar ein Gegenüber, es besteht aus beweglichen Schlagzeilen - und wir Leser hören es knistern, spüren die Zeitungsseiten, riechen den faden Geruch der Druckerschwärze, und aus diesem Kreuz von Dazwischen und Gegenüber bläht sich lärmig die große Welt auf, droht uns mit Kriegen und Geschäftsabschlüssen, treibt die Rekordmarken der Opfer vor und jubelt das Mittelmaß an die Sterne, doch sehen Sie, unversehens gibt es da noch eine andere Dimension, nämlich ein Innen und Außen, und dort - wo es nach schweizerischen Wahrscheinlichkeit regnet, also draußen, wo nicht die große Welt mehr ist (welche denn?) schüttelt sich ein Hund - und die Tropfen fliegen und mit ihnen fliegen die ganzen Präsidenten, Kriege, Katastrophen, Börsentiefs und Viagrahochs in die Luft, eine metaphysische Verneinung, durch die eben der Titel des Gedichts nochmals eine neue, dritte Lesart erhält, dass wir nämlich längst zwischen den Dingen sind, im Vermittelten und Mittelbaren. Das Unmittelbare aber draußen ist, in einem Dasein, an dem wir im Hochleistungszug vorbeifahren. Dem Leben halt. Doch einer bezeugt es, der Dichter. Darum gehen Sie hin, kaufen Sie dieses kleine, schöngestaltete Reservat, sprechen Sie den Wörtern zu: Sie haben es ausgestanden. Sie dürfen jetzt blühen.
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