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DESIGN- UND MEDIENKRITIK
Über Folterkeller in München, Baby-Designer und einen teuflischen Gott
Von Wolfgang Beinert, Graphikdesigner und Typograph, für »Zwiebelfisch«, einem Magazin für Gestaltung, Ausgabe No. 4 »Babylon« 2004 der Freien Hochschule für Grafik-Design und Bildende Kunst, Freiburg.

Eigentlich wollte ich ja für Nicole Glurs Gestaltungsbeitrag im Zwiebelfisch »Babylon« einen paradigmatischen Kommentar zur Schrift- und Typographiekultur oder über die Inflation der Bilder schreiben. Klug, akademisch, vielleicht ab und zu eine auflockernde Pointe. Doch Nicolas Dozent Wolfgang Blüggel, dessen Engagement für seine Studenten ich aus der Ferne sehr schätze, hat mich durch eine leichtsinnige, möglicherweise sogar listige Anregung »(...) schreiben Sie doch etwas Kritisches (...)« zu einem ganz anderen Thema inspiriert. Zu einem Thema mit zwölf Buchstaben, das in unser Branche ein absolutes Tabu ist, weil es innerhalb unserer Zunft als Ketzerei gilt und absolut nicht der Political correctness entspricht: Systemkritik.


Illustration von Nicole Glur, Zwiebelfisch 2004

»Wer als Grafik-Student nichts lernt, muss zur Strafe in einer Werbeagentur als Quark-Sklave arbeiten. 12 Stunden täglich. 6 Tage die Woche. 3 Euro die Stunde. Frust inbegriffen. Lebenslänglich!« Wolfgang Beinert, 2002. Illustration und Edidorial Design: Nicole Glur, Zwiebelfisch, 2004.


Babylon lebt. Heute und hier ...
Und eigentlich ist ja die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel eine Geschichte über die Archetypen von Großkotzigkeit, Arroganz, Ignoranz, Gigantomanie, Stolz und Neid, über eine Schneller-Höher-Weiter-Mentalität und vor allem über Dummheit und Dreistigkeit. So gesehen, hat sich also in den letzten paar Jahrtausenden wenig verändert. Babylon lebt. Heute und hier. Es lebt und gedeiht. Blüht! Böser, diabolischer, babylonischer denn je. Allerdings mit einem feinen Unterschied: Aus der kollektiven Arroganz aller gegenüber einem einzigen Gott haben sich individuelle Größenwahnphantasien und narzisstische Betrachtungs- und Bespiegelungsweisen vieler einzelner gegenüber allem und jedem entwickelt. Man könnte in diesem Zusammenhang unwillkürlich zuerst an abgehoben überhebliche Politiker denken, an raffgierige Shareholder-value-Typen oder an quotengeile TV-Intendanten und Chefredakteure. Das ist natürlich richtig. Aber nur die halbe Wahrheit.

Folge ich hier konsequenterweise der alttestamentarischen Logik der Genesis, so straft Gott uns heute nicht nur mit einer babylonischen Sprachenvielfalt - es existieren laut Harald Haarmann weltweit 6.417 Einzelsprachen – nein, er straft uns überdies mit einer babylonischen Schriften- und Bildervielfalt, einer Sinn(sint)flut an Zeichen und Informationen biblischen Ausmaßes, einer Inflation an Bits und Bytes, Trends und Styles, deren Urheber und Verwerter mehrheitlich noch nie Rilke gelesen haben, Fraunhofer mit einer Kneipe verwechseln und Paganini für ein belegtes Brötchen halten. Ja, ich meine uns Designer, uns Werber, uns Wichtigtuer!

Wer oder was sind wir eigentlich?
In Anbetracht der Thematik dieser Ausgabe von Zwiebelfisch stellt sich für mich nun zwangsläufig die Kardinalsfrage: Welche Rolle spielen wir eigentlich im neuen alten Babylon? Oder anders formuliert: Wer oder was sind wir eigentlich? Gehören wir nicht zur multimedialen Priesterschaft des 21. Jahrhunderts, zu den Zelebranten eines Kults vom schönen Schein und den Ritualen des angeblich guten Geschmacks, die Babylon mangels besseren Wissens am Leben erhält? Sind wir Designer womöglich die ultimative Strafe Gottes für die gesamte Menschheit? Ich vertrete sogar die These, dass wir Designer eine Art Trojanische Pferde Gottes sind. Sozusagen eine teuflisch gut gestylte Mogelpackung auf zwei Beinen. Oder glauben unsere Mitmenschen etwa nicht, dass wir ihre Sprachen und Gedanken mittels Schriften und Bildern sichtbar, lesbar und kommunizierbar machen können? Dass wir die Fähigkeit besitzen, komplexe Zusammenhänge in einer immer komplizierteren Welt transparent und verständlich darstellen zu können? Dass wir zudem über mehr Geschmack und Stil verfügen als andere Sterbliche und dass wir in den Hochschulen und Akademien unser Handwerk in einer geistig und künstlerisch freien Atmosphäre erlernt haben? Gar eine Elite des Medienzeitalters sind?

Geisterbahnen und Folterkeller in München ...
Wenn ich durch mein München gehe, wird mir allerdings das Gegenteil und somit Gottes teuflische Rache für derlei Hybris bewusst. Unsere Straßen heutzutage sehen aus wie Geisterbahnen. Erschreckend. Eine dümmliche Reklame reiht sich an die nächste, ein hässlicher Schriftzug übertrumpft den anderen. Ein Spaziergang durch die Fußgängerzone ist zu einem visuellen Spießrutenlauf durch die penetrante X-Beliebigkeit geworden, unsere U-Bahnhöfe mit ihren nichtkapierbaren Preis-Fahrplänen, primitiven Werbeplakaten und unintelligenten Hinweisschildern verkommen zu optischen Folterkellern. Sind Sie schon einmal am Münchner Hauptbahnhof umgestiegen und wollten mit der U-Bahn nach Schwabing fahren? Und kennen Sie das brennende Verlangen, inmitten all dieser babylonischen Irritationen unbedingt die Augen schließen zu wollen - und sei es auch nur für einen kurzen, rettenden Moment?

Aber nicht genug. Wenn ich nachmittags meinen Briefkasten öffne, fürchte ich nur eins mehr als die Rechnungen der Telekom: Reklame, diese wahren Direct-Mailings aus der Hölle der visuellen Geschmacklosigkeit. Auch mein Buchladen an der Leopoldstraße blieb nicht verschont – eine Typozelle, die einen Jan Tschichold bereits nach zehn Minuten in den irreparablen Wahnsinn getrieben hätte. München bezeichnet sich selbst gerne als die größte Buchverlagsstadt der Welt, als Medienstadt von Weltrang. Aber in Wahrheit ist München einer der größten Tempel Babylons auf Erden. Bei Gott! Sogar unsere Lebensmittelmärkte und Kaufhäuser entwickelten sich unversehens zu einem Survival-training für den Sehsinn! Und Gott wäre kein Gott, wenn er meinen eMail-Account vergessen hätte: Nun hat die Hölle auch noch einen digitalen Postausgang. Tagelang könnte ich so Beweise und Indizien aneinanderreihen, die schlüssig darlegen, dass Gott ein Teufel ist. Aber er hat Erfolg damit. Und wie wir gelernt haben, heiligt der Zweck die Mittel. So gibt es in München heute nur noch wenige Orte, die frei von optischen Emissionen sind. Kirchen, Synagogen und Moscheen, beispielsweise. Ist Gott nicht clever?

Baby-Designer aus der Retorte der Mittelmässigkeit ...
Aber zurück zu den irdischen Schöpfern dieser kreativen Höchstleistungen, zu uns Designern. Mal ehrlich und Hand aufs Herz: Gibt es einen anderen Berufsstand, der zur Zeit so schlecht ausgebildet ist, der so wenig kann, der so wenig solidarisch ist, der sich so wenig in unserer Gesellschaft engagiert, der so wenig verdient, so wenig zu sagen hat, der so viel Mist produziert und dennoch eine derart hohe Meinung von sich selbst hat? Ich glaube nicht. Und das Teuflischste daran ist, dass wir uns selbst und unseren Mitmenschen tagtäglich weismachen können, dass wir die Größten, Besten und Kreativsten sind. Babylon sind wir! Und tagtäglich drängen deshalb weltweit abertausende neue Baby-Designer (etymologisch "Baby" für "pappeln" entlehnt von "Babylon" für "Wirrsal, Verwirrung" und "Designer" von "Design" für "Gestalt", zu deutsch "wirrer Gestalter") aus der Retorte mittelmäßiger Akademien, Hoch- und Privatschulen, um Babylon weiter mit Energie zu versorgen. Ist Gott nicht teuflisch?

ZWIEBELFISCH
Magazin für Gestaltung, Ausgabe No. 4 »Babylon« 2004
84 Seiten, mit Babylon-Pinup, Euro 10,-
ISBN 3-929709-18-x
erscheint im September 2004, Auflage 6.000 Exemplare

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