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Istanbul Designweek

Kommuniqué

Istanbul Designweek

Mustafa Kemal Atatürk und die europäische Typographie

Vortrag von Wolfgang Beinert auf der Istanbul Designweek über die Antiqua-Typographie im türkischen Grafikdesign.

 

Vortrag in deutscher Sprache mit Simultanübersetzung im Anschluss zur »Designweek Istanbul« in Kooperation mit der Alman-Türk Ticaret ve Sanayi Odasi. Istanbul, Montag, 24. Oktober 2005 um 2:00 Uhr p.m. [OZ] im Four Seasons, Tevkifhane Sokak No. 1, Sultanahmet-Eminönü, Istanbul.

 

Warum Istanbul?

Was hat westeuropäische Typo mit Istanbul zu tun? Nun, eigentlich sehr viel. Wie die meisten Grafikdesigner zwar wissen, entwickelte sich die Typographie in der Frührenaissance in Deutschland und Italien durch die deutschen Prototypographen, aber die wenigsten wissen, dass der erste literarische und wissenschaftliche »Content«, insbesondere antike griechische und römische Literatur, überwiegend aus den Handbibliotheken emigrierter Intellektueller aus Konstantinopel stammt, so beispielsweise von Konstantin Laskaris [1].

Selbst der Terminus »Typograpia« [2] dürfte durch diesen Gelehrtenkreis geprägt worden sein. Und nicht zu vergessen: die erste reine Antiqua, welche von Pannartz und Sweynheym 1467 in der Nähe von Rom gedruckt wurde, typographierte die erste Ausgabe der berühmten »Epistulae familiares« von Marcus Tullius Cicero, dessen Manuskripte ebenfalls von Humanisten aus Konstantinopel, also aus Istanbul stammten.

Und schließlich und endlich: Nachdem Rom unterging, wir sogar vergaßen Straßen zu bauen und grösstenteils im Mittelalter wie die Wilden lebten, wurde unsere heute so geschätzte antike europäische Hochkultur in der heutigen Türkei bewahrt. Spekulativ auf den Punkt gebracht: Ohne Konstantinopel keine Renaissance, ohne Renaissance keine Typographie und ohne Typographie kein Grafikdesign …

 

Die Türkei und die westeuropäische Typographie

Mit der Gründung der Republik Türkei durch Mustafa Kemal Atatürk am 29. Oktober 1923 kehrte die westeuropäische Typographie aus ihrer »Emigration« nach Istanbul, dem früheren Konstantinopel, zurück. Sie half bei den atemberaubenden Veränderungsprozessen, verdrängte arabische und kleinasiatische Schriftsysteme und ist heute, wie in der übrigen westlichen Welt auch, die tragende Säule im türkischen Grafikdesign.

Wolfgang Beinert zeigt in diesen Zusammenhang seine international prämierten Arbeiten für global operierende deutsche Unternehmen und Freiberufler, die primär durch den überlegten Einsatz von westeuropäischer Antiqua-Typographie überzeugen. Der bebilderte Vortrag dauert rund 90 Minuten. Anschließend besteht Gelegenheit zur Diskussion.

[1] Konstantin Laskaris (geboren 1434 in Konstantinopel, gestorben 1501 in Messina), ein Nachfahre der byzantinischen Kaiser von Nicäa, war einer der bedeutendsten Gelehrten der Renaissance. Nach dem Fall von Konstantinopel (1453) kam er auf Vermittlung des Kardinals Bessarion nach Italien ins Exil und 1460 an den Mailänder Herzogshof, wo er von Francesco Sforza zum Hauslehrer für dessen Tochter Hippolyta ernannt und rasch zum Mittelpunkt eines Zirkels von Humanisten wurde. Laskaris lehrte an den Universitäten von Rom und Neapel, ab 1466 bis zu seinem Tod auch in Messina, wo Pietro Bembo zu seinen Studenten gehörte. Konstantin Laskaris war u.a. der Verfasser der griechischen Grammatik »Erotemata«, die 1476 in der Mailänder Offizin des Dionysius Paravisinus als erstes Werk vollständig in griechischen Lettern, geschnitten vom Kreter Demetrius Damilas, gedruckt wurde. Der erste Nachdruck dieses Standardwerks der griechischen Sprache erschien 1495 in der Offizin von Aldus Manutius, als dessen erster Druck überhaupt, ediert von Pietro Bembo und in Typen von Francesco Griffo. Die Majuskeln der zweiten in diesem Druck verwendeten Type, einer noch etwas rudimentären Antiqua, wurden als Vorlagen für einen neuen Schnitt benützt, mit dem Aldus den Traktat »De Aetna« von Pietro Bembo druckte. Diese legendäre »Bembo-Type« leitete die neue Gruppe der sogenannten »Antiqua des Aldinischen Typs« ein.

[2] In gedruckter Form ist das Wort »Typographus« erstmals 1488 in der Einleitung zum »Astronomicon« des römischen Poeten und Astrologen Marcus Manilius (1. Jahrhundert n.Chr.), einer Inkunabel aus der Mailänder Offizin von Antonio Zarotto (1450-1510) nachweisbar. Ein Indiz für die Hypothese, dass die erst mit der »nova latinitas«, also dem »Neulatein« der Renaissance aufkommende und direkt dem Griechischen entlehnte Nomenklatur »Typographia, Typographus« ihren Ursprung im Mailänder Humanistenkreis um den byzantinischen Gelehrten Konstantin Laskaris haben dürfte. Ab dem 17. Jahrhundert ist diese aus dem Humanismus stammende Wortschöpfung fixer Bestandteil des Gelehrten-Vokabulars.

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Wolfgang Beinert | Berlin: Graphic Design Studio
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