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Kommentar
von Sabine Seifert zum Triptychon Carpe diem von Wolfgang Beinert.
Drei Bilder, drei alte Männer, drei Aussagen. Drei Fotos, auf denen jeweils ein alter Mann, nur mit einem Pyjama bekleidet, in einem Spitalbett liegt. Unter den Fotos jeweils eine Bildunterschrift in pseudoschicken Antiqua-Versalien der Engravure. JUNG SEIN. SCHICK SEIN. REICH SEIN.

Wolfgang Beinert im Spiegel seines Tryptychons JUNG SEIN. SCHICK SEIN. REICH SEIN.
Alt sein. Würdelos sein. Mittellos sein. Das ist die eigentliche Aussage der drei Fotos. Denn der Betrachter sieht drei alte Männer, die im Sterben liegen. Eine Kluft tut sich auf, zwischen dem, was der Betrachter sieht, und dem, was er darunter liest. Jung sein. Schick sein. Reich sein. Das ist die Formel unserer Gesellschaft, in die sich alte Menschen nicht mehr einfügen können. Diese Formel hat oft ihr Leben bestimmt und geleitet. Sie haben mit Hilfe dieser Formel eine Identität angestrebt. Scheinwerte als Lebensziel.
Beinert zeigt wo die Gesellschaft liegen wird. Das sehr einsame Sterbebett auf einer Pflegestation ist Ort der Reflektion. Carpe diem, das Credo des Triptychons, suggeriert dem Betrachter: Nütze den Tag. Lebe jetzt. Denn auch Du bist sterblich! Vergeude deine Ressourcen nicht für scheinbare Werte und Oberflächlichkeiten. Konzentriere dich auf das Wesentliche. Oberflächliche Maximen sind sinnlos.
Der alte Mensch wird auf seine Pflegebedürftigkeit reduziert. Er trägt die Uniform des Alters. Beinert zeigt diese Uniformität in seinen Bildern. Die monotone Umgebung der drei Männer ist gleich. Funktional. Metallbetten, weiße Wände, keine Zeichen von Menschlichkeit in den Räumen lenken den Blick von der Trostlosigkeit ab. Einsamkeit macht sich in der Lücke breit, die einst den Schein einer individuellen Identität hatte. Für diesen Schein wurde bedenkenlos alles geopfert, Werte, die zeitlebens Bestand haben: Menschlichkeit, Größe, Liebe, zwischenmenschliche Kommunikations- und Kompromissbereitschaft.
Carpe diem. Beinert zerrt eine Problematik ans Tageslicht, die in der Gesellschaft keine große Lobby hat. Er stellt etwas aus, was im Verborgenen gehalten wird. Die Problematik, dass viele Menschen in ihrem Leben die Weichen in Richtung Einsamkeit stellen. Sie blenden die Menschlichkeit aus, sind sich selbst der Nächste und Mitleid kennen sie nicht.
WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN ZU DIESEM THEMA
Wolfgang Beinert stellt sein Foto-Triptychon JUNG SEIN. SCHICK SEIN. REICH SEIN. in der Fotogalerie Wäcker & Jordanow in München aus.
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