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Rolf Müller

Event

Rolf Müller: Neugierde ist die Voraussetzung für Kreativität

Ateliergespräch mit dem Gestalter Rolf Müller im Atelier von Wolfgang Beinert in München.

 

Wie war das damals? … Dies ist wohl eine Frage, die sich viele junge Designerinnen und Designer heute stellen. Um eine Brücke zwischen damals und heute zu schlagen, organisierte Wolfgang Beinert am 27.09.01 für rund 50 Designerinnen und Designer ein Ateliergespräch mit Rolf Müller. Im Ambiente des offenen Ateliers entwickelt sich ein reger Austausch von Gedanken und Erfahrungen.

Rolf Müller, visueller Gestalter. Foto: Andreas Bohnenstengel.

Rolf Müller am 6.8.2001 im Büro Rolf Müller in der Maximilianstraße 31 in München. Foto: Andreas Bohnenstengel. Weitere Fotos im Archiv von A. Bohnenstengel.

 

Rolf Müller, Initator der legendären Designzeitschrift HQ, gehört damals wie heute zur ersten Liga der Designer. Er versteht sich selbst immer noch als Handwerker der alten Schule. Das Wichtigste für ihn war und bleibt die Neugierde, denn ohne Neugierde gibt es keine Kreativität. Interesse am täglichen Leben, an Zeitungen, an Büchern und Ausstellungen weckt erst den gestalterischen Willen. So versteht Rolf Müller sich und seinen Beruf in dreifacher Hinsicht.

Erstens ist er ein Zeichensetzer, ebenso wie Bach ein Tonsetzer war. Er setzt im Leben seiner Mitmenschen Zeichen, verändert vieles auf einfache Art. So hat die 1971 von ihm gemachte Broschüre über Willi Brand eine Endauflage von 1,2 Mio. erreicht und wurde somit zum erfolgreichsten Wahlkampfportät seiner Zeit. Im Rahmen der Olympischen Spiele hat er zusammen mit Otl Aicher ein Zeichen gesetzt das weltbekannt wurde.

Zweitens versteht er sich als Systematiker. So beginnt für ihn die Gestaltung im Kopf und wird dann, mathematisch genau, nach bestimmten Regeln ausgeführt.

Drittens muss er ein guter Geschichtenerzähler sein, was er an diesem Abend ausgiebig unter Beweis stellt. Alle drei Aspekte sind gleichwertig und sollten in gleichen Maßen gepflegt werden. »Nicht einseitig, sondern vielseitig sein«, ist seine Philosophie und die Essenz seiner Berufserfahrung.

Manchem Designer aber, bleibt kaum noch die Zeit für vielseitiges Interesse. Viele verbringen 10-12 Stunden täglich vor dem Computer. So sieht der Alltag in großen Agenturen aus. Rolf Müller zeigte Alternativen auf. In seinem Atelier stellt er zwei Computer für drei Leute bereit. Das hat zur Folge, dass man sich arrangieren, absprechen und in sozialen Dialog mit den anderen treten muss. Diese Taktik verschafft jedem die nötige Distanz zu diesem trügerischen Werkzeug. Entwürfe sollen nicht am Bildschirm beurteilt werden, denn da stimmen weder die Proportionen noch die Details oder die Farben. Sein Gefühl für Proportionen erlernte Rolf Müller durch das Gestalten von Plakaten in Originalgröße. Er möchte nicht, dass seine Plakate wie vergrößerte Computergrafiken wirken. Man soll sich immer auf das Medium einstellen, auf die Dimension und die Materialien. Ein Motiv darf nicht beliebig vergrößert oder verkleinert werden, sonst verändert sich die gestalterische Aussage. Ein weiteres Problem im Berufsalltag ist auch die Frage inwieweit der Kunde ein gestalterisches Mitspracherecht hat. Obwohl der Kunde kein ausgebildeter Gestalter ist, versucht er oft ein zu großes Mitspracherecht zu erlangen. Dies würde zu einem unqualifizierten Ergebnis von schlechter Qualität führen.

Rolf Müller betrachtet seine Arbeit als beauftragte Kommunikation, jedoch lehnt er jede Mitgestaltung des Kunden ab. Er präsentiert immer nur eine ausgearbeitete Lösung ohne Alternativen, begründet diese aber so triftig, dass der Kunde letztendlich davon überzeugt und zufrieden ist. Als Gestalter muss man den Auftraggeber für seine Arbeit, für die dahinter liegenden Inhalte und wissenschaftlichen Tatsachen sensibilisieren. Um authentisch wirken zu können, muss man ein sehr fundiertes Wissen aufweisen, sowohl über die Mittel als auch über die historische Entwicklung der Gestaltung.

Im Gespräch kommt auf, dass Werbung, so wie wir sie heute verstehen, schon seit ca 1840 besteht. Techniken der Werbung hat es zum Beispiel durch die Lithographie schon viel früher gegeben. Nach Entwicklung des Buchdruckes allerdings wird die Gestaltung von den Druckern übernommen, Gestalter als eigenständigen Beruf gab es noch nicht. Rolf Müller meint, dass dieser Beruf, wie wir ihn heute kennen, erst seit den zwanziger Jahren existiert. Diese Entstehung ist hauptsächlich auf die Auseinandersetzung in der Kunst durch Henry van de Velde und Berens zurückzuführen. Die Gründung des Werkbundes hat einen passenden Dachverband geschaffen. In dieser Zeit nimmt die Bedeutung der Wichtigkeit und Ernsthaftigkeit guter Gestaltung zu. Plakate zum Beispiel wurden von Malern gemacht. In Deutschland setzt sich zuerst Kurt Schwitters richtig mit diesem Beruf auseinander. Es entsteht langsam ein Berufsbewußtsein der Gestaltung in der Industrie.

Die ersten Ansätze der Markenpolitik sind in dieser Zeit entstanden. Der Begriff Marketing stammt also aus den zwanziger Jahren. Marketing ist aber nur ein Teilbereich der Gestaltung. Die Aufgaben eines Gestalters sind weit gefächert. Sie erstrecken sich über die eigene Präsentation in der Öffentlichkeit bis hin zur Präsentation von Firmen, Organisationen und Gesellschaften. Imagepflege sollte im Bereich Design nicht unterschätzt werden. Rolf Müller vereint alle wichtigen Prinzipien in seinen Arbeiten, ob dies nun die Gestaltung einiger Mathematikbücher oder eine entworfene Typo für Mercedes Benz betrifft.

Seine klare Linie ist besonders in dem Corporate Design der Olympischen Spiele 1972, das er mit Otl Aicher entwickelte, zu erkennen. Die Spiele von 1972 sollten vor allen Dingen, den braunen Schatten unter dem damals die Berliner Spiele 1936 standen vertreiben. So wurden sogar die Polizisten in das Konzept miteinbezogen. Müller und Aicher haben ihnen die Uniform ausgezogen, und bekleideten sie mit eigens entworfenen Kitteln. Diese hatten nichts mehr von einer präsenten staatlichen Obrigkeit. Ein Akt, der eindeutig zeigt, wie frei die Gestaltung der Spiele den Designern überlassen war. Die legendäre Zeitschrift High Q von Rolf Müller ist eins der besten Beispiele für gute Gestaltung. Sie lebt hauptsächlich durch Inhalte, die den Kommerz scheuen und somit als wahr und authentisch beim Empfänger empfunden werden.

Am Ateliergespräch nahmen zahlreiche Designerinnen und Designer jeglichen Alters teil. Außerdem fanden sich zahlreiche Kulturinteressierte, wie Galeristen, Mathematiker und Journalisten ein. Das Ergebnis war ein reger interdisziplinärer Austausch. Rolf Müller hat allen Anwesenden an diesem Abend einen entscheidenden Einblick in ein Stück Designgeschichte gegeben, neue Wege aufgezeigt und reichlich Denkanstöße geliefert.

 

Rolf Müller, visueller Gestalter

Rolf Müller studierte an der HFG Ulm, gestaltete mit Otl Aicher das Corporate Design der Olympischen Spiele 1972, war Herausgeber der Zeitschrift HQ und ist Mitglied in der Alliance Graphique International (AGI). „Als ich nach Ulm kam, war Max Bill weg. Ich kam aus der westfälischen Provinz, 20 Jahre alt, den Kopf voll mit dem Glaubensersatz Existentialismus, dem Wettstreit der Kunst-Ismen und den Bildern, den geistigen und den realen Bildern des Bauhauses. Ich war beseelt von dem Wunsch, mein Nein gegen die Welt der Elterngeneration (Nazi-Erbe, Adenauerisches, Kitsch und Plüsch etc.) in ein Ja zu einer besseren Welt zu verwandeln.

Schon nach wenigen Tagen in Ulm erfuhr ich, dass der Name Max Bill ein Schlüsselwort war für eine dauernde und heftige Diskussion, ein Kennzeichen für eine der beiden Positionen im ewigen Disput: Wird der Gestalter geführt, beseelt oder gar legitimiert durch die Rationalisierung seiner ethnischen oder ästhetischen Prozesse? Oder sind das Spielerische, die Freude an der sinnlichen Entdeckung und deren ebenso sinnliche Gestaltung der eigentliche Auftrag?

Max Bill war das Synonym für das Atelier, Hans Gugelot, Otl Aicher, Herbert Ohl u.a. realisierten die Labor-Werkstatt-Entwicklungs-Gruppen-Idee. Und da fühlte ich mich wohl: im Alltag der Widersprüche. Denn unabhängig vom Disput über die gesellschaftliche Position des Gestalters (und die war heftig) durfte ich experimentieren, Neues versuchen, handwerklich gebunden, aber geistig radikal. Max Bill war mein Synonym für die Weiterentwicklung des Genius loci, der Künstlerwerkstatt, die im Falle des Erfolges, und nur dann, auch politische Macht ausüben kann. Die Entwicklungsgruppen der hfg und das korrespondierende Unterrichtsprogramm faszinierten mich durch ihre gruppendynamische Qualität und ihren direkten politischen Anspruch. Der Ulmer Disput hat mich nicht entlassen. Es diskutiert in mir weiter: Bin ich Autor oder Übersetzer. Bin ich Teil des Ganzen oder Robinson Crusoe? Auch wenn sich die Bedingungen des Gestaltens geändert haben, der Konflikt bleibt: Die Positionierung zwischen Künstleratelier und Labor für visuelle Kommunikation.

Rolf Müller aus High Quality 2.1994.

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Wolfgang Beinert | Berlin: Graphic Design Studio
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