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Ohne Typographie kein Humanismus

Ohne Typographie sind Humanismus, Aufklärung, die Entdogmatisierung der Wissenschaft im Ursprung Galileis und Keplers sowie die Liberalisierung undenkbar. Ein Interview der Berliner Stadtzeitung Scheinschlag mit Wolfgang Beinert über Schrift, den Sinn von Typographie und die verschwundene Deutsche Schrift.

Geführt von Benno Kirsch. Erschienen in der Ausgabe 04.2007.

 

Die Welt der gedruckten Schriften

Mit den Schriften ist es wie mit dem Kochen: Man kann ein Fünf-Gänge-Menü zaubern und es im Kerzenschein auf einem schön dekorierten Tisch servieren. Man kann aber auch eine Dose Ravioli öffnen und kalt auslöffeln. Satt wird man allemal. Es ist also durchaus ausreichend, die Botschaft, die man zu verkünden hat, in Times New Roman oder Arial auszudrucken. Man kann aber auch eine Garamond nehmen und auf den richtigen Durchschuß achten. Wolfgang Beinert beschäftigt sich professionell mit dem Einsatz von Schriften. Er ist Grafik-Designer und Typograph in Berlin. Er betreibt die Typo-Seite www.typolexikon.de im Internet.

Scheinschlag: Typograph zu sein, ist ja schon etwas Besonderes. Wie sind Sie es denn geworden?

Beinert: Ich bin Grafik-Designer; die Hälfte dieses Berufes steht im Zusammenhang mit dem Thema Schrift. Schrift ist neben dem Bild und der Produktion ein wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit. Ich will sogar frech behaupten, daß Typographen vermutlich die besseren Grafik-Designer sind.

Scheinschlag: Worin besteht die Arbeit des Typographen?

Beinert: Heute bezeichnet man das Arbeitsgebiet des Typographen primär als Grafik- und Kommunikationsdesign. Es geht also nicht nur darum, Schriften zu entwerfen, sondern auch darum, mit ihnen zu gestalten. Dazu gehört es auch, über Betrachtungs- und Lesegewohnheiten bescheid zu wissen – das ist sogar ein wesentlicher Punkt. Wenn ich nicht weiß, wie eine bestimmte Schrift wirkt, verfehle ich womöglich den Inhalt. Schrift ist ja nicht gleich Schrift. Es ist kein Luxus, sich darüber Gedanken zu machen, sondern es geht darum, ob man Dinge gerne liest, schnell liest, schnell begreift. Das einfachste Beispiel ist ein Schulbuch oder ein Geschäftsbericht für Analysten. Hier ordnet sich mit Sicherheit die Typographie dem Inhalt unter, weil es darum geht, Inhalte klar und deutlich zu vermitteln. Das nächste ist die visuelle Gestaltung eines Druckerzeugnisses, einer Website oder einer dreidimensionalen Arbeit, wie z.B. ein Firmenschriftzug an einem Haus. Der Gestalter muß darauf achten, daß Inhalt und Schrift sowie die Anordnung von Text und Bild optisch und didaktisch ein befriedigendes Ganzes ergibt. Dazu muß er die Lehre von der ästhetischen, künstlerischen und funktionalen Gestaltung kennen. Wie wirkt eine bestimmte Anordnung von Buchstaben, Satzzeichen, Sonderzeichen und Schriften? Am Rosa-Luxemburg-Platz, vor der Volksbühne, kann man im übrigen ein schönes Beispiel plastischer Typographie begutachten. Hier gelten natürlich andere Gesetze als in der Lesetypographie.

Scheinschlag: Schön, man kann also sagen, dass Typographie die Welt schneller lesbar macht. Aber hat sie auch eine politische Relevanz?

Beinert: Bereits Gutenbergs Erfindung hat innerhalb weniger Jahre alle westeuropäischen Zivilisationen in kürzester Zeit nachhaltig verändert. Gegenüber den folgenden Entwicklungen der Digitalität wirkt sie allerdings geradezu harmlos. Aber die Reformation, die Entstehung der modernen Wissenschaft oder die Arbeiterbewegung wären in dieser Form nicht möglich gewesen. Ohne Typographie, die Reproduktion von Wissen und Gedanken, hätten die Ideen von Luther, Marx und anderen nicht verbreitet werden können.

Scheinschlag: Normalerweise hält man ja die Intellektuellen für die maßgeblichen Figuren. Wollen Sie sagen, daß es die Typographen waren?

Beinert: Sie spielten zumindest eine bedeutende Rolle. Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Beruf des elitären Typographen, des Künstler-Ingenieurs, überwiegend proletarisiert. Man bezeichnete sie innerhalb der Arbeiterschaft auch als sogenannte Stehkragenproletarier, also als solche, die sich durch ihre Kleidung und Sprache von den anderen Proletariern abgrenzten, letztere exisitiert auch heute noch; allein die Handschriftsetzer hatten einen gewerbespezifischen Sprachschatz von 1500 Wörtern. Als der Akzidenzsatz Anfang des 19. Jahrhunderts aufkam, haben sich die Drucker und Akzidenzschriftsetzer im Zuge der Proletarisierung sehr bald gewerkschaftlich organisiert. Sie waren in einer Position, daß sie den ganzen Betrieb lahmlegen konnten. Der Slogan „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“ galt besonders für sie in den Verlags- und Zeitungsdruckereien. Die Setzer hatten also eine zentrale Stellung im Betrieb, und dementsprechend wichtig waren sie. Das hat dazu geführt, daß Schriftsetzer immer sehr gut bezahlt wurden. Bis kurz vor der Digitalisierung erhielten sie Gehälter, um die sie heute jeder Grafik-Designer beneiden würde. Früher, also vor 15, 20 Jahren, hatte ein Redakteur bestenfalls seine Schreibmaschine und gab seine Texte dem Schriftsetzer, der sie zu Papier brachte. Und wenn der nicht wollte, gab es keine Zeitung.

Scheinschlag: War der Beruf des Schriftsetzers ein Ziel für politisch bewußte Menschen, wie das heute für viele die Juristerei ist?

Beinert: Auf jeden Fall war die Typo-Szene bis in die 70er Jahre sehr politisch. Heute sind die Grafik-Designer und Weber so unpolitisch, daß es schon wehtut. Sie lesen heute ja nicht einmal die Texte, die sie setzen und mit denen sie gestalten. Früher wäre das ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Ein Akzidenzsetzer, heute würde man Art Director sagen, mußte den Text sogar seitenverkehrt lesen und verstehen können. Und er nahm dadurch natürlich Inhalte, also Wissen auf, das anderen Menschen noch nicht zugänglich war. Wenn ein Schriftsetzer den Text eines Autors setzte, kannte er zwangsläufig den gesamten Inhalt. Schriftsetzer waren deshalb meist sehr belesene Leute, was auch ihre aktive Rolle in der damaligen Arbeiterbewegung erklären könnte.

Scheinschlag: Mit dem heimischen PC kann heute jeder ein Typograph sein…

Beinert: Die Produktionsmittel wurden komplett demokratisiert. Noch vor ein paar Jahren war es unmöglich, ein Buch, ein Prospekt oder eine Zeitung ohne Hilfe zu machen. Ein Fotosatzgerät von Berthold, das eine geringere Leistung hatte als eine Armbanduhr von heute, kostete rund eine Million Mark. Da hat man im Akzidenzsatz für einen Buchstaben eine Mark gezahlt. Heute dagegen ist auch ein Mac, der ja als teuer gilt, spottbillig.

Scheinschlag: Wenn jeder selbst mit Schriften gestalten kann, ist das eigentlich toll, führt aber zum Teil zu schrecklichen Ergebnissen. Eine Frage ist deshalb auch, wann etwas gut gestaltet ist.

Beinert: Typographie ist im Großen und Ganzen ein Handwerk, das man lernen kann. Es gibt gewisse Gesetzmäßigkeiten wie in anderen Berufen auch, und es gibt Regeln, die man aber verletzen kann. Nicht nur Laien, sondern auch viele Verlage und Zeitungen beachten die Regeln nicht. Insbesondere dann, wenn es um vergleichbare Inhalte geht, also z.B. bei Lehrbüchern, die es aus verschiedenen Verlagen gibt, kennt jeder das Gefühl, daß er mit dem einen Buch besser lernen kann als mit dem anderen. Das führt oftmals dazu, daß man die Bücher von Verlag X gerne kauft, die von Verlag Y aber nicht.

Scheinschlag: Die gebrochenen Schriften stehen bei vielen in einem schlechten Ruf. Viele rümpfen die Nase, weil sie z.B. die Schwabacher für eine Nazi-Schrift halten.

Beinert: Gebrochenen Schriften haben in Deutschland eine große Tradition. Deshalb nennt man sie auch die Deutsche Schrift. Die gebrochene Schrift war auch die, die man der Reformation zuordnete. Die Antiqua hingegen war im wesentlichen die Schrift der Humanisten und später der Kurie. Auch der Benediktiner-Orden hat über Jahrhunderte immer in Antiqua geschrieben. Deutschland, Österreich und die Schweiz waren die einzigen Länder, die bis zum Krieg auch mit gebrochenen Schriften gearbeitet haben. Natürlich gab es immer Bestrebungen, wie von Goethe, Wieland, Göschen oder Unger, die versuchten, unsere Schriftkultur zu reformieren, d.h. von der gebrochenen Schrift wegzukommen und so zu drucken wie die Engländer, Franzosen und Italiener. Das hat nie funktioniert. Bismarck etwa hat sich geweigert, Antiqua-Schriften zu lesen, für den war das was Französisches. Insbesondere die Preußen haben sich mit Händen und Füßen gewehrt, in Antiqua-Schriften zu drucken; alle ihre Kriegsgegner hatten ja bekanntlich die Antiqua. Druckschrift war in Deutschland immer sehr politisch. Das fing bei der Reformation an und dauert bis heute. Die schöne Tradition, gebrochene Schriften zu verwenden, haben die Nazis beendet. 1941 wurde sie verboten und Frakturschriften als „Juden-Schrift“ diffamiert. Es ging in diesem Fall aber auch um ganz andere Dinge. Viele Druckereien und Schriftgießereien waren mittelständische Industriebetriebe, in denen Tonnen von Bleisatzschriften aufbewahrt wurden, was ein enormes Vermögen darstellte. Bei dem Verbot ging es primär darum, an den Besitz jüdischer und anders denkender Unternehmer heranzukommen, bzw. ihnen den Markt kaputt zu machen. Wir dürfen nicht vergessen, daß früher Druckereien nahezu ausschließlich Verlags-, Zeitungs- und Buchdruckereien waren und Schrift materiell und gebrochen war! Daß sie zurückgedrängt wurde, hat aber auch mit der materiellen Situation nach dem Krieg zu tun. Da so gut wie keine Bleischriften und Maschinen mehr vorhanden waren, mußte man die Schriften irgendwo her kriegen. Also hat man sie z.B. in England bei der Monotype gekauft, aber da waren natürlich nur Antiqua-Schriften vorhanden. Die Antiqua als Verkehrschrift in Deutschland entstand in der Nachkriegszeit also auch über die Maschinen, die gerade zur Verfügung standen.

Scheinschlag: Erleben wir eine Renaissance der gebrochenen Schriften?

Beinert: Über England kommt sie gerade wieder auch nach Deutschland zurück, insbesondere in der Werbetypographie. Auch in der Mode sieht man das immer häufiger. Aber wie schon erwähnt, wir Deutschen haben eine Vorliebe dafür, alles ausgiebig zu diskutieren und zu bewerten. Wieso sollte es bei Schriften anders sein? Wenn man gebrochene Schriften ablehnt, handelt es sich häufig um ein Mißverständnis. Deshalb hoffe ich, daß diese jahrhundertealte Schriftkultur in Deutschland nicht verloren geht. Im Design werden wir sie wieder häufiger sehen. In Büchern und Zeitungen nicht mehr.

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Atelier Beinert | The Fine Art of Graphic Design
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