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The End of Print?

Wird Typographie durch das Internet populär? Das Typolexikon von Wolfgang Beinert überschreitet im Jahr 2007 die 2-Millionen-Grenze.

 

Anfangs waren die Prognosen von Freunden und Kollegen alles andere als motivierend: Typographie? Theorie? Online publizieren? Wissen kostenlos weitergeben? – Was für ein Blödsinn! Wen interessiert schon Typographie?

 

THE END OF PRINT?

Als der Berliner Typograph und Grafikdesigner Wolfgang Beinert 2001 trotz aller Unkenrufe peu à peu damit anfing, in einem »Online-Lexikon« – wir erinnern uns: was war 2001 bittschön ein Online-Lexikon? – über Typographie zu schreiben, hätte wohl keiner auch nur im Traum daran gedacht, dass seine teils sehr komplexen, bilderlosen Abhandlungen einen so enormen Zuspruch erfahren würden: alleine im letzten Jahr 2.259.898 erfolgreiche Seitenaufrufe [1]!

Für ein – formulieren wir es sanft – Minispartenthema, das ausschließlich sprachlich vermittelt wird, wahrlich ein unerwartetes Ergebnis, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass sich heute ein Fachbuchautor im Segment Typographie schon dann als Bestsellerautor fühlen darf, wenn er über einige Jahre hinweg gerade mal 1.000 Exemplare unter die Leute gebracht hat. Oder denken wir an die Auflagen unserer wenigen noch existenten Designmagazine: Ein Verleger lässt heute schon die Champagnerkorken knallen, wenn er im Monat 10.000 Exemplare verkauft und verschenkt hat, wobei selbst diese Akzidenzauflage für die Mehrheit unserer noch verbleibenden Gazetten wohl schlicht und ergreifend unerreichbar sein dürfte.

 

DER ACADEMICUS UNTER DEN TYPOSEITEN …

Und da Prognosen von Freunden bekanntlich selten eintreffen und Fakten für sich selbst sprechen, kann man – bei allem Altruismus – nun stolz darauf hinweisen, dass Typolexikon.de heute die meist zitierte und kopierte Autorenquelle in der deutschsprachigen Typo- und Grafikdesignszene ist. Egal ob in digitalen Open Source-Angeboten, Fachbüchern, Romanen, Diplomarbeiten oder in der Lehre – die penibel recherchierte Wissensquelle wird jährlich von Hunderttausenden genutzt und von vielen deutschsprachigen Universitäten, Fachhochschulen und Berufsfachschulen als Grundlagen- oder Prüfungsliteratur empfohlen. Alleine Google Deutschland listet in nur 0,02 Sekunden exakt 22.000 singuläre und eindeutige Verweise auf [2]. Und der gigantische SB-Gemischtwarendiscounter Wikipedia linkte letztes Jahr satte 26.712 mal auf die Fachbeiträge des Typolexikons. Rund 750.000 Leser loggten sich direkt ein, was nichts anderes bedeutet, dass viele erst erst gar nicht nach einem Thema »googeln«, sondern lieber gleich auf das Typolexikon als Erstquelle zugreifen, was wiederum auf einen enormen Bekanntheitsgrad und eine hohe Akzeptanz schließen lässt. Wobei hier angemerkt werden muss, dass alleine 57,74% aller neuen, erfolgreichen Verweise von der Toplevel-Domain Google Deutschland und fast weitere 10% von ausländischen Googles stammen[3]. Verweise von anderen Suchmaschinen sind nicht erwähnenswert, denn ihre Präsenz bewegt sich im Promillebereich der Auswertung. Ein klarer Hinweis dafür, welche beachtliche, ja geradezu monopolistische Marktmacht Google heute in der Vermittlung von Informationsquellen besitzt.

 

DIE TYPOSZENE INFORMIERT UND ORGANISIERT SICH HEUTE IM WEBSPACE …

Ursprünglich wurde das Typolexikon nur als bescheidene Möglichkeit in Betracht gezogen, um altes Fachwissen glossierend an jüngere Kollegen weiterzugeben. Nun hat es sich zu einem Projekt entwickelt, das Typographie systematisch und ganzheitlich in Theorie und Praxis darstellen möchte; mit derzeit rund 280 miteinander verknüpften Fachbeiträgen, Tendenz steigend. Das Online-Lexikon verstehet sich heute als ein populärwissenschaftliches Langzeitprojekt, welches nicht nur in der Typoszene Reputation erfährt, sondern erfreulicher Weise auch verstärkt außerhalb. Denn seit nun bereits sechs Jahren transportiert es seriös Typographie aus dem Getto der Typomanen hinein in die Gesellschaft; buchstäbliche Designförderung, die in den letzten Jahren auch viele Kollegen inspiriert hat, ähnliche Angebote im Internet zu schaffen. Gab man vor rund einem halben Jahrzehnt das Keyword »Typo« in Google ein, brachte das gerade ein paar Dutzend Ergebnisse. Sechs Jahre später spuckt Google für das gleiche Keyword gigantische 25 Millionen (!) Verweise aus. Heute ist die Typoszene im Webspace präsent wie keine andere Sparte des Grafikdesigns. Lebendige Portale wie das TypoWiki von Ralf Herrmann oder das Forum für Mediengestalter von Martin Modler seien hier nur genannt. Die Szene informiert und organisiert sich heute im Webspace und trifft sich dann bei Typo- und Designevents, die in letzter Zeit – noch zaghaft wie sensible Pilze – aus dem Boden sprießen.

 

DIE TOP-TEN SIND KEINE LEICHTE KOST …

Bei der Auswertung der Webstatistik fiel auf, das insbesondere sehr komplexe Beiträge im Rating der »Häufigsten Seiten« vorne liegen. Ein Indiz dafür, dass es sich bei den Rezipienten nicht um »Light- & Fastsurfer« – sondern um studierende Leser handelt. Was auch auf deren Reaktionen zutrifft; denn sobald ein Aufsatz in Typolexikon veröffentlicht wurde, reagieren die unzähligen und kritische Lektoren im World Wide Web prompt, penibel und manchmal auch sehr leidenschaftlich – per eMail, Briefen, Telefon, in Weblogs und Foren; es wird diskutiert, kommentiert, lektoriert – und leider auch vielfach kopiert, letzteres insbesondere in Open Sorce-Angeboten wie Wikipedia, deren Community scheinbar nur darauf wartet, dass im Typolexikon ein neues Thema publiziert wird, welches sich dann in umgeschriebenen Einzelteilen – leider oft aus dem Zusammenhang gerissen – in einem der Wiki-Beiträge wiederfindet. Zu den Top-Ten-Page Impressions zählten 2006 die Fachbeiträge über Römische und Arabische Zahlen, Schriftgeschichte, Typographie, Kalligraphie, Fraktur, Antiqua, Grotesk, Schriftklassifikation, Corporate Design, Papierformate, typographische Maßeinheiten sowie Literaturempfehlungen von Wolfgang Beinert zur Typographie. Beispielsweise wurde alleine der Fachbeitrag über Römische Zahlen 41.917 mal abgerufen.

 

MICROSOFT HAT DIE NASE VORNE …

Für Technikinteressierte: Der meist benutzten Browser zum Abruf des Typolexikons war der Internet Explorer (35.29%), gefolgt von Mozilla (21.90%) und Safari (9.06%). Das Betriebssystem Windows (78.17%) dominierte eindeutig Apple MacOS (20.02%) und OS/2 (0.01%). Ein weiteres Indiz dafür, dass das Typolexikon weit außerhalb der Typo- und Grafikdesignszene gelesen wird, denn Designer haben erfahrungsgemäß meist Macs auf ihren Schreibtischen stehen. Anhand der Resonanzen per Briefpost, Gästebuch und eMail lässt sich erkennen, dass die Leserschaft des Typolexikons sehr heterogen ist. Das Spektrum reicht vom pensionierten HGB-Professor aus Leipzig, der noch weiß, wie sich ein Bleibuchstabe anfühlt, bis hin zur jungen typographischen Gestalterin aus Zürich, die nur noch eine Mighty Mouse kennt.

 

ENDE GUT, ALLES GUT: TYPO IST IN …

Aus einer anfänglich »blödsinnigen Idee« ist ein glaubwürdiges Nachschlagwerk für Studenten, Lehrer, Autoren und Lektoren geworden bzw. für alle, die sich ernsthaft mit Typographie im weiteren Sinne beschäftigen. Und wider allen Pessimisten: Ein Buchstabe scheint in unserer Gesellschaft doch nicht mehr so kategorisch unbedeutend zu sein. Typographie ist populärer denn je …

 

[1] Webstatistik mit Stichtag 1.1.2007 für den Zeitraum 1.1.-31.12.2006 bei 281 angebotenen HTML-Seiten. Diese Auswertung zählt alle erfolgreichen Seitenaufrufe (Page Impressions). Es werden nur vollständig geladene Seiten mit den Rückgabewerten 200 und 304, ohne Bestandteile wie Bilder und Dateien mit den Endungen .ico, .png, .jpg, jpeg, .gif, .swf, .css, .class oder .js gezählt. Suchmaschinen und Roboter exklusive.
[2] Stichtag 8.2.2006, Keyword Typolexikon.
[3] Basis bei rund 40% der eindeutigen Visits, ca. 60% sind in der Regel unbekannt und nicht auswertbar.

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Wolfgang Beinert | Berlin: Graphic Design Studio
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