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Visitenkarten

Interview

Visitenkarten und Ihre Besitzer

Ein Interview von Ancilla Martin mit dem Grafikdesigner und Typographen Wolfgang Beinert

 

Prolog | Zehn Antworten auf zehn Fragen der Studentin Ancilla Martin (AM), die sie im Rahmen ihrer Diplomarbeit (Sommer 2003, FH München) an Wolfgang Beinert (WB) stellte. Ancilla hospitierte Ende 2001 im Atelier Beinert. Als Diplomarbeit erstellte Ancilla einen Katalog mit Antworten auf rund ein Dutzend standardisierte Fragen, die sie an die »üblichen Verdächtigen« der Grafikdesignszene richtete. Die Diplomarbeit wurde – neben prominenten Namen – von sehr gelungenen Portraitfotos aufgewertet, die von Frank – einem ehemaligen Hospitanten des Ateliers Beinert – gemacht wurden. Diese zehn kurzen Fragen stellte Ancilla u.a. einigen Freunden des Ateliers, so u.a. Kurt Weidemann, Pierre Mendell und Rolf Müller. Über die Qualität der Fragen als solche lässt sich sicherlich streiten, die Antworten waren in der Regel jedoch interessant und erwartungsgemäß originell.

AM | Haben Sie Ihre Visitenkarte selbst gestaltet?
WB | Ja.

AM | Wie lange haben Sie diese schon?
WB | Seit Herbst 1999, als ich meine gestalterische Tätigkeit in meinem Münchner Atelier aufnahm.

AM | Sollte die Gestaltung von Visitenkarten zeitlos sein?
WB | Was ist zeitlos? Mathematiker versuchen seit über zweieinhalbtausend Jahren eine Antwort darauf zu finden. Vielleicht ist in der visuellen Gestaltung die Ästhetik ein Schlüssel zur »gestalterischen Zeitlosigkeit«. Eine meiner Lieblingsthesen dazu lautet: Die Ästhetik eines Designs fesselt und bezaubert den Betrachter. Denn das Streben und das Bedürfnis nach Schönheit ist uns Menschen angeboren.

AM | Sollte die Visitenkarte einem inhaltlichen oder formalen Zweck folgen?
WB | Sowohl als auch. Der Inhalt einer Visitenkarte ist ja in der Regel vorgegeben und als solcher nahezu wertneutral. Es handelt sich hierbei in den meisten Fällen um Kontaktdaten. Diese sollten natürlich mittels der Typographie so gestaltet sein, dass der Rezipient sie fehlerfrei und eindeutig interpretieren kann. Die Form der Visitenkarte spiegelt einen Teil des kulturellen Umfelds ihres Besitzers wieder. Temperament, Anmutung, Wertigkeit, Ästhetik, Modernität und Kontinuität. Als individuelles, ganz konkret »persönliches« Kommunikationsmedium kann die Visitenkarte auch psychologische und soziologische Codes enthalten. Am Beispiel Designszene: hier transportieren und erwecken der Gebrauch von speziellen Schriften und Schriftstilen mitsamt deren mikrotypographischer Interpretation, die ausgewählte Papiersorte oder das besondere Trägermaterial und natürlich die Farbwelt ganz gezielte Assoziationen.

AM | Kann man auf so einem kleinen Format Identität vermitteln?
WB | Selbstverständlich. Die wenigen Quadratzentimeter einer Visitenkarte reichen aus, um das Ambiente ihres Besitzers wesentlich zu erfassen und in komprimierter Form zu repräsentieren.

AM | Werden Visitenkarten von den digitalen Medien abgelöst?
WB | Ja und nein. Es wird beides geben. Analoge und digitale Visitenkarten.

AM | Welche Bedeutung hat die Visitenkarte für Sie?
WB | Als Gestalter: Visitenkarten wurden schon oft zu meinem gestalterischen Waterloo. Als Privatperson: Immer wenn ich dringend eine brauche, habe ich – so sicher wie das Amen in der Kirche – keine dabei oder sie ist peinlichst verknittert und verschmutzt.

AM | Vermittelt Ihre Visitenkarte auch Ihre Persönlichkeit?
WB | Meine Freunde sagen ja.

AM | Wie erreicht man Authentizität, den passenden Maßanzug für den Kunden?
WB | Durch Neugierde, Recherche, Empathie, Wissen und harte Arbeit. Und natürlich durch die Imagination, die Vorstellungskraft, von der übrigens der Mathematiker Albert Einstein meinte, sie sei wichtiger als das Wissen …

AM | Welches ist Ihr wichtigstes Handwerkszeug, wie vermitteln Sie erste Ideen?
WB | Mein Verstand ist eindeutig mein wichtigstes Handwerkszeug. Und ich vermittle meine ersten Ideen immer mündlich und meist bei einem guten Essen. Somit wäre vermutlich mein Bauch mein zweitwichtigstes Handwerkszeug.

AM | Welches Auto fahren Sie?
WB | Einen alten Jaguar, einen alten Jeep und einen alten Morgan. Aber in der Regel bin ich mit meinem Hund zu Fuß – und in München ausschließlich mit der U-Bahn unterwegs.

AM | Welche Farben haben Ihre Autos?
Beinert | Anthrazit, anthrazit und anthrazit.

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Atelier Beinert | Berlin
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