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Jung sein. Schick sein. Reich sein.

Der Grafikdesigner Wolfgang Beinert stellt sein Foto-Triptychon in der Galerie für Fotografie Jordanow in München aus.

 

1.4.2004. »Das Triptychon Carpe Diem von Wolfgang Beinert … Absolut schön und schlicht ist diese Trilogie, absolut schonungslos die Aussage …« Münchner Merkur. Drei Bilder, drei alte Männer, drei Aussagen. Drei Fotos, auf denen jeweils ein alter Mann, nur mit einem Pyjama bekleidet, in einem Spitalbett liegt. Unter den Fotos jeweils eine Bildunterschrift in pseudoschicken Antiqua-Majuskeln der Engravure, einer klassizistischen Kupferstecherschrift: JUNG SEIN. SCHICK SEIN. REICH SEIN.

Alt sein. Würdelos sein. Mittellos sein. Das ist die eigentliche Aussage der drei Fotos. Denn der Betrachter sieht drei alte Männer, die im einsamen »Dahinsterben« liegen. Eine Kluft tut sich auf, zwischen dem, was der Betrachter sieht, und dem, was er darunter liest. Jung sein. Schick sein. Reich sein. Das ist die Formel unserer Gesellschaft, in die sich alte Menschen nicht mehr einfügen können. Diese Formel hat oft ihr Leben bestimmt und geleitet. Sie haben mit Hilfe dieser Formel eine Identität angestrebt. Scheinwerte als Lebensziel.

Beinert zeigt wo die Gesellschaft liegen wird. Das sehr einsame Sterbebett auf einer Pflegestation ist Ort der Reflektion. Carpe diem, das Credo des Triptychons, suggeriert dem Betrachter: Nütze den Tag. Lebe jetzt. Denn auch Du bist sterblich! Vergeude deine Ressourcen nicht für scheinbare Werte und Oberflächlichkeiten. Konzentriere dich auf das Wesentliche. Oberflächliche Maximen sind sinnlos. Der alte Mensch wird auf seine Pflegebedürftigkeit reduziert. Er trägt die Uniform des Alters.

Beinert zeigt diese Uniformität in seinen Bildern. Die monotone Umgebung der drei Männer ist gleich. Funktional. Metallbetten, weiße Wände, keine Zeichen von Menschlichkeit in den Räumen lenken den Blick von der Trostlosigkeit ab. Einsamkeit macht sich in der Lücke breit, die einst den Schein einer individuellen Identität hatte. Für diesen Schein wurde bedenkenlos alles geopfert, Werte, die zeitlebens Bestand haben: Menschlichkeit, Größe, Liebe, zwischenmenschliche Kommunikations- und Kompromissbereitschaft. Carpe diem.

Beinert zerrt eine Problematik ans Tageslicht, die in der Gesellschaft keine große Lobby hat. Er stellt etwas aus, was im Verborgenen gehalten wird. Die Problematik, dass viele Menschen in ihrem Leben die Weichen in Richtung Einsamkeit stellen. Sie blenden die Menschlichkeit aus, sind sich selbst der Nächste und Mitleid kennen sie nicht.

ERÖFFNUNG: Donnerstag, 1. April 2004 um 19:00 Uhr. Einführung von Sabine Seifert.
AUSSTELLUNGSDAUER: 2. April bis 15. April 2004. Dienstag, Donnerstag 10:00–17:00 Uhr, Mittwoch 10:00–21:00 Uhr und Samstag 11:00–14:00 Uhr.
AUSSTELLUNGSORT: Jordanow | Galerie für Fotografie, Gollierstraße 17, 80339 München, Telefon 089.50073979.

 

Eröffnungsrede anläßlich der Vernissage am 1. April 2004


Von Sabine Seifert-Mancke [MA Phil.]

JUNG SEIN. SCHICK SEIN. REICH SEIN. Ist das wieder einer dieser erhobenen Zeigefinger? Die Aufforderung die Prioritäten in seinem Leben zu verändern? Und damit auch die Aufforderung an die Gesellschaft Prioritäten zu verändern? Bestimmt ist das so, aber sehen wir uns die Bilder an … Wolfgang Beinert hebt nicht nur den Zeigefinger, er legt ihn in eine Wunde unserer Gesellschaft, die sorgsam verbunden niemand zu Gesicht bekommen soll.

Denn wer arbeitet schon fleissig an Ruhm, Geld und Erfolg, natürlich auch zum Wohle unserer Wirtschaft, wenn er sieht, wie er enden könnte… Das Credo der ewigen Jugend macht nur die Kosmetikindustrie reich. Es ist nicht das Leben ewig jung zu sein. Man mag optisch etwas nachhelfen können, aber der Gang der Zeit und der damit verbundene Verfall ist weder aufzuhalten noch umzukehren.

Die Kunsthistorikerin Sabine Seifert-Mancke bei ihrer Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Wolfgang Beinert.

Die Kunsthistorikerin Sabine Seifert-Mancke bei ihrer Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Wolfgang Beinert.

 

Geld, Luxus, Reichtum. Am Ende bleibt nichts. Wenn der letzte Mensch der Dich begleitet ein Fremder ist, der dafür bezahlt wird, dass er Deine Hand hält, Dich füttert, der der einzige ist, der sich noch um Dich kümmert, dann ist in Deinem Leben etwas falsch gelaufen. Falsch? Wahrscheinlich hast Du nur das getan, was man von Dir erwartet hat. Du hast im gesellschaftlichen Bereich funktioniert, und Deine persönlichen Bedürfnisse allem anderen hinten angestellt. Der Mensch definiert sich, über das, was er darstellt. Der Blick hinein darf nur wenigen gestattet sein, die Fassade muss stimmen. Menschlichkeit wird als menschliche Schwäche gewertet.

Die Markenjeans und der richtige Sneaker der Kinder wird vom Gucci-Anzug und dem SLK abgelöst. Schulerfolg und sportliche Leistungen vom Gehaltsscheck. Doch der Gucci-Anzug kommt aus der Mode, das Auto wird rostig, das Gesicht faltig und für den Job wird man zu alt. Du kämpfst dagegen an, im Fitness-Studio, im Solarium und auf Botox-Parties. Wenn sich aber das Alter nicht mehr kaschieren lässt, wenn nicht nur das Aussehen betroffen ist, wenn Du einfach nicht mehr kannst, zitterst, Mühe hast Dich auf den Beinen zu halten, dann nutzt das schicke Auto nichts mehr, denn Du kannst den Wagen nicht mehr fahren. An diesem Tag zeigt sich, welche Werte Du Dir wirklich geschaffen hast. Geld ermöglicht Dir den Aufenthalt in einem schicken Seniorenheim, aber für den Besuch der Enkelkinder sorgt es nicht.

In aller Stille betrachten wir die Bilder. Decken wir im Geiste die Unterschriften ab, lassen wir nur die Photographien sprechen. Wir sehen drei alte Männer. Faltige Gesichter, durch deren schlichte Darstellung die Schönheit aufblitzt. Eigentlich ist das Alter schön, mit der Gelassenheit der langen Lebenserfahrung auf ein erfülltes Leben zurück blicken zu können. Der Kontrapunkt, das störende Element ist die Umgebung. Das Pflegebett, die Schnabeltasse, Gitter. Das ist die Realität. Menschliche Bedürfnisse auf Funktionalität reduziert. Alt sein, Hässlich sein, Mittellos sein. Das ist das, was diese Männer, durch den Filter unserer Gesellschaft, betrachtet zeigen.

Wolfgang Beinert ist kein stiller Betrachter. Er ist nicht der Fotograf der diese Männer allein durch das Objektiv seiner Kamera betrachtet. Er hat nicht die sichere Distanz hinter seinem Werkzeug. Wolfgang Beinert reicht diesen Männer seine Hände. Seine Hände sind die fremden Hände, ohne die die Männern hilflos sind, nicht essen können nicht trinken können sich nicht waschen können. Er arbeitete in dem Heim, in dem diese Bilder entstanden, er pflegte diese Männer. Jahre später stösst er das Fenster für die Öffentlichkeit auf, er zeigt uns seine Erfahrung.

Carpe diem – Pflücke den Tag. Das ist die Aufforderung. Lebe jetzt, konzentriere dich auf dein Leben und nicht auf das was andere von dir erwarten Das wir alt werden, können wir nicht verhindern, dass wir sterben müssen auch nicht, aber wie wir alt werden, wo wir alt werden, haben wir vielleicht doch in unserer Hand. Wenn wir nicht möchten, dass ein Fremder uns auf unserem letzten Gang begleitet, dass wir alleine auf den Tod warten, dann haben wir jetzt und heute die Chance das zu verhindern.

Vernissage von Wolfgang Beinert am 1. April 2004 in der Fotogalerie Jordanow in München.

Vernissage von Wolfgang Beinert am 1. April 2004 in der Fotogalerie Jordanow in München.

 

Diese Fotografien, diese feinen Kunstwerke mögen erschrecken, das Gemüt bestürzen, vielleicht sucht manch einer die Ästhetik. Es ist keine Unterhaltung, es ist kein Konsumgut, der Betrachter stolpert unweigerlich über die Radikalität ihrer Aussage. Wolfgang Beinert mahnt den Betrachter: Umdenken ist nötig, Umdenken ist möglich.

Unsere Gesellschaft neigt dazu Probleme zu beseitigen, indem sie sie im Verborgenen hält. Verdrängung. Das kann aber nicht die Lösung sein. Eine Auseinandersetzung ist nicht möglich. Diese Auseinandersetzung ermöglicht aber erst den respektvollen Umgang mit seinem eigenen Leben. Die Findung des ganz persönlichen Lebensweges, den Mittelweg, zwischen den Erwartungen der Aussenwelt und seiner eigenen Erwartung. Jung sein, Schick sein, Reich sein ist kein Ziel, es ist der Weg an sich selbst und an seinen Mitmenschen vorbei zu gehen. In diesem Sinne, lebt heute, geniesst jeden Tag, und diesen Abend. Unterhaltet euch nicht nur mit den Jungen, Schicken und Reichen.

Nutzt die Gelegenheit … Danke!

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Wolfgang Beinert | Berlin: Graphic Design Studio
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